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Lost Places: ein Ausblick aus den Gemäuern von Craco

Die fünf tollsten Lost Places in Europa für Hobbyfotografen

Vergessene und von Verfall geprägte Orte – sogenannte Lost Places – sind eine hervorragende Kulisse für abwechslungsreiche und atemberaubende Fotos. Ob leerstehende Hotels oder alte Industrie-Gebäude, die einzigartigen Motive und das interessante Licht- und Schattenspiel erwecken die Vergangenheit wieder zum Leben. Jedoch sind solche Locations nicht einfach zu finden, denn die interessantesten davon sind gut gehütete Geheimnisse.

Was Sie beim Betreten von Lost Places beachten sollten, lesen Sie in diesem Artikel. Denken Sie ausserdem immer daran: „take nothing but pictures, leave nothing but footprints“.

Auf Entdeckungstour quer durch ganz Europa finden sich alte verlassene Gebäude, Denkmäler, Bahnhöfe, Ruinen und vieles mehr. Wunderschöne Objekte, die an eine längst vergangene Zeit erinnern – lassen Sie sich inspirieren.

5 aussergewöhnliche Lost Places

Der Harzburger Hof, Deutschland – der Verfall eins Prunkhotels

Aussenansicht vom Harzburger Hof – Lost Place in Niedersachsen

Nach seiner Eröffnung im Jahre 1874 in Bad Harzburg, einer Stadt in Niedersachsen, galt dieses Hotel als eines der prächtigsten in Deutschland. Auf rund 18.000 Quadratmetern genoss die adlige Gesellschaft ihre Ruhe vor dem Alltag. Gegen Ende des 2. Weltkrieges wurde es von Soldaten als Erholungszentrum genutzt. Trotz reichlicher Sanierungsmassnahmen erreichte es aber nie wieder den Glanz alter Tage. Eine sehenswerte Ruine, die durch einen Brand zerstört wurde, prägt nun die Kulisse von Bad Harzburg.

Die Räume sind noch teilweise möbliert, was einen besonderen Rahmen für aufregende Fotos bietet. Highlight ist sicherlich der alte Speisesaal des Hotels. Monumentale Säulen, pompöser Stuck und eine detailverliebte Einrichtung verschaffen dem verfallenen Raum besonderen Charme.

Reich verzierte Treppe im Harzburger Hof

Lungenheilanstalt am Grabowsee nahe Berlin, Deutschland

Nur 20 Minuten vom belebten Berlin entfernt befindet sich diese weitläufige Anlage, die aus mehreren sehr unterschiedlichen Gebäuden besteht. Erbaut wurde sie im Jahre 1896 als Lungenheilanstalt. Hauptsächlich wurden hier Tuberkulosepatienten behandelt. Während des Zweiten Weltkrieges wurde das Gebäude zu einem sowjetischen Militärkrankenhaus umfunktioniert. Heute sind die meisten Räume leer, doch die verfallenen Räumlichkeiten bieten trotzdem eine Vielfalt an faszinierenden Fotomotiven. Besonders eindrucksvoll ist der Pianosaal der ehemaligen Heilanstalt – bodentiefe Fenster umrahmen einen imposanten Saal, in dessen Mitte ein altes Piano auf einer Bühne steht. Dieser Saal inspirierte auch Hollywood-Star George Clooney, der ihn als Kulisse für den Film „The Monuments Men“ nutzte.

Lungenheilanstalt am Grabowsee Grabowsee - altes Piano 

Oradour-sur-Glane, Frankreich – die geheimnisvolle Gedenkstätte

Dieser Lost Place befindet sich in der Region Nouvelle-Aquitaine im Südwesten Frankreichs. Der Ort erlangte durch ein verübtes Kriegsverbrechen der SS im Jahre 1944, auch „das Massaker von Oradour“genannt, traurige Berühmtheit. Fast alle Dorfbewohner verloren bei diesem Massaker ihr Leben und die Stadt wurde durch die anschliessende Brandstiftung beinahe vollständig zerstört. In den Überresten der Kirche wurde eine sehenswerte Mahn- und Gedenkstätte errichtet. Wenn das Sonnenlicht durch die verfallenen Ruinen strahlt, entstehen interessante Licht und Schatten-Spiele, die aufregende Bildkompositionen zulassen. Aber auch Dämmerung oder Nebel machen diesen Lost Place zu einer tollen Location für Fotografie-Begeisterte.

Kulisse von Oradour-sur-Glane

der zerstörte Dorfplatz von Oradour-sur-Glane

Psychiatrische Anstalt in Volterra, Italien – ein Ort des Grauens

Am Rande von Volterra erstreckt sich das düstere Gebäude der ehemaligen Psychiatrie. Dieser Ort muss zu seiner Zeit die Hölle auf Erden gewesen sein: Berichten zufolge starben 10 Prozent der Insassen infolge schlechter Behandlung, 40 Prozent aufgrund der katastrophalen hygienischen Umstände und der Rest einfach aus Kummer. Infolge der Reformen von Basaglia wurde die Psychiatrie 1978 geschlossen.

Die verfallenen Korridore der Psychiatrie bieten zahllose Motiv-Möglichkeiten

Schauriges Highlight dieses Lost Places ist die Geschichte des Insassen Oreste Nannetti, der das Erlebte mithilfe seiner Gürtelschnalle auf 180 Metern Mauerwerk einritzte. Dieses Tagebuch, das mit Schrift und Zeichen seine Wahrnehmungen wiederspiegelt, ist auch heute noch erhalten.

Ansonsten sind die Gebäude mittlerweile leergeräumt. Trotzdem erwecken Sie den dunklen Geist der Geschichte und bieten eine schaurige Foto-Kulisse.

Gemeinde Craco, Italien – eine durch Erdrutsche zerstörte Geisterstadt

Die Ortschaft Craco in der Provinz Matera wurde bei einem Erdrutsch in den 60er Jahren stark beschädigt. Nachdem die letzten verbleibenden Einwohner die Stadt infolge eines weiteren Erdbebens 1980 verlassen hatten, ist der Ort allgemeinhin als „Città fantasma“– die Geisterstadt – bekannt. Die verlassene Ruinenstadt, die in einen Felsen geschlagen wurde, bietet noch heute eine altertümliche Kulisse mit eindrucksvollem Charisma. Im Jahre 2010 wurde sie sogar in die Liste gefährdeter Kulturdenkmäler aufgenommen. Die ganze Geisterstatt ist ein Mekka für Lost-Place-Fotografen: die Motive sind zahllos und so gelingen sowohl Innen- als auch Aussenaufnahmen der Ruinen.

Craco die Geisterstadt

 

Arbeiten mit Schatten in der Lost Places Fotografie mit Gegenlicht

Lost Places im Gegenlicht fotografieren

Ein Ratschlag aus der Fotografie lautet: „Niemals im Gegenlicht fotografieren“. Dieser Rat ist jedoch längst veraltet. Fotografieren mit Gegenlicht ist das Fotografieren in Lichtrichtung. Machen Sie sich das Licht zunutze: Denn das Gegenlicht ermöglicht viele Gestaltungsmöglichkeiten und kann ein Foto richtig aufwerten. Daneben können einzigartige (un)gewollte künstlerische Effekte entstehen. Vor allem in der Lost Places-Fotografie wird dem Fotografieren mit Gegenlicht eine steigende Bedeutung zugeschrieben. Ein wenig Erfahrung und eine Kamera mit manuellen Einstellmöglichkeiten sind unabdingbare Voraussetzungen für gelungene Gegenlicht-Fotos.

Lost Places – eine alte Industriehalle mit Gegenlicht fotografiert

Quelle: Lydia Hülle

Die richtige Kameraeinstellung für Gegenlicht

Beim Fotografieren in Richtung des Lichts sind einige Einstellungen an der Kamera unverzichtbar. Ein genereller Tipp: Für gute Ergebnisse sollte auf jeden Fall im manuellen Modus fotografiert werden. Auf den Automatikmodus sollte man besser verzichten, denn dieser wird mit der Situation nicht zurechtkommen.

Wichtig im manuellen Modus sind vor allem die Einstellungen der Lichtempfindlichkeit und Blendenöffnung. Je nach Lichtsituation und Kameratyp kann die Einstellung hier variieren. Der ISO-Wert sollte dabei immer so niedrig wie möglich eingestellt werden. Am besten eignen sich Werte um ISO 100. Bei der Blende sollte die Einstellung am besten f/8 betragen. Die Brennweite sollte im Normalbereich liegen. Generell sollte bei Gegenlicht besser mit einer kleinen Blendenöffnung gearbeitet werden. Die richtige Einstellung wird meist aber erst durch Ausprobieren gefunden, denn jede Situation ist individuell.

Wenn möglich, sollte der automatische Weissabgleich der Kamera ausgeschaltet sein. Der Blitz sollte bei Fotografien mit Gegenlicht nur dann benutzt werden, wenn wichtige Objekte in den Vordergrund gerückt werden sollen.

Für alle, die schon etwas Erfahrung mitbringen, lohnt sich eine Streulichtblende. Durch sie wird die Gefahr einer unerwünschten Kontrastreduktion und Blendenflecken im Bild vermieden. Leider lässt sich dieses Hilfsmittel nur bei der Spiegelreflexkamera verwenden. Für andere Kameratypen gibt es keine derartigen Hilfsmittel.

Lost Places mit Gegenlicht fotografiert - das Motiv von drei Fenstern erscheint dunkel

Quelle: Lydia Hülle

Diese Kniffe sind hilfreich bei Gegenlicht

Für das Fotografieren mit Gegenlicht ist etwas Übung gefragt. Das eigentliche Motiv wird dabei oft sehr dunkel. Besonders häufig kann das Problem von Blendenreflexen auftreten, welche in Form der verwendeten Blende auf dem Bild sichtbar sein können. Je nach Blendenform können diese Flecken dann eckig oder rund sein. Das muss allerdings nicht schlecht sein, denn dadurch können einzigartige künstlerische Effekte entstehen.

Bei Sonnenuntergang, Nebel und leichtem Regen sowie Porträtaufnahmen lohnt sich das Fotografieren mit Blitz. Bei Sonnenlicht sollten die Schatten, die das Gegenlicht dem Fotografen entgegenwirft, genutzt werden, denn dabei treten die Farben in den Hintergrund. Dann können schöne Effekte im Bild sichtbar werden. So können interessante Lichtsäume um die Konturen und Umrisse entstehen, die Objekte als geheimnisvolle Silhouetten wirken lassen.

Arbeiten mit Schatten in der Lost Places Fotografie mit Gegenlicht

Quelle: Lydia Hülle

Mit diesen Tipps gelingt das perfekte Foto bei Gegenlicht

  1. Wenn möglich, in den Schatten gehen – Die direkte Sonneneinstrahlung sollte am besten vermieden werden, da dadurch nicht nur das Objektiv, sondern auch das Auge Schaden nehmen können.
  2. Einen Aufhellblitz verwenden – Der Aufhellblitz reflektiert das Licht auf das Motiv zurück. So wird dafür gesorgt, dass die Objekte in den Vordergrund gerückt werden.
  3. Gegebenenfalls die Perspektive wechseln – Oftmals gelingen nicht gleich auf Anhieb gute Aufnahmen. Es lohnt sich daher, auch mal die Perspektive zu wechseln.
  4. Eine Gegenlichtblende verwenden – Um unschöne Reflexionen im Bild zu vermeiden, sollte bei der Spiegelreflexkamera eine Gegenlichtblende auf das Objektiv aufgesetzt werden.
  5. Einen Filter benutzen – Es kann hilfreich sein, einen Graufilter für diese Gegenlichtbilder zu verwenden. Dann entsteht eine reduzierte Wirkung des Lichteinfalls.
Die Effekte mit Gegenlicht sind unterschiedlich – an diesem Lost Place erscheinen Lichtspiele in der Fensterscheibe

Quelle: Lydia Hülle

Für das Fotografieren mit Gegenlicht wird keine teure Kamera benötigt. Im Prinzip können tolle Schnappschüsse mit allen digitalen Kameras gemacht werden, die mit umfangreichen manuellen Einstellungsmöglichkeiten ausgestattet sind.

Das richtige Licht lässt verlassene Objekte erst richtig aufleben

5 Tipps für gelungene Lost-Places-Fotos

Neben aller Faszination für die Lost-Places steht das Motto der Urban-Explorer auch für jeden Hobby-Fotografen an erster Stelle: „Kein Foto ist die Gefahr für Leib und Leben wert“.

Tipp 1: Die Location finden

Das Licht macht die Stimmung in einem verlassenen Lokschuppen der Deutschen Bahn in Schwandorf

Quelle und Urheber: http://toni-wittmann.de – Diese Datei ist unter der Creative-Commons-Lizenz „Namensnennung – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 nicht portiert“ lizenziert. – Original: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Lost_Place_Lokschuppen.jpg?uselang=de

Eine geeignete Location zu finden ist nicht einfach aber zentral, denn die interessantesten Locations sind gut gehütete Geheimnisse. Verständlich, bedenkt man, welche Auswirkungen das auf den Tourismus an solchen Plätzen haben kann. Dennoch gibt es einige Communitys, in denen ein Austausch mit Gleichgesinnten möglich ist. Auch die direkte Nachfrage bei einem Fotografen kann zum Erfolg führen. Neben den Tipps von anderen Urban-Explorern, gibt es noch weitere Quellen.

Es lohnt sich mit offenen Augen durch gewohnte Umgebungen zu gehen und neue Blickwinkel einzunehmen. So findet man Inspiration, wo man zunächst keine vermutet. In vielen Städten gibt es beispielsweise morbide verlassene Industrieanlagen oder längst nicht mehr bewohnte alte Villen.

In der Fremde ist es zeitaufwendiger, aber meist erfolgreicher, sich an Einheimische zu wenden. Gerade ältere Menschen besitzen Wissen über Orte, die man nicht im Netz findet. Diese Quellen zu nutzen, erfordert Fingerspitzengefühl und Zeit, zahlt sich aber aus. Manchmal können diese Leute auch bei der Frage der Grundstücksverwalter weiterhelfen.

Manche Fotografen nutzen sogenannte Locationkarten, in denen Sie Ihre Standorte mit den dort entstandenen Fotos taggen. Diese Suche ist weniger hilfreich, wenn man noch unerforschte Orte finden will, aber für Einsteiger eine gute Möglichkeit, Informationen zu erhalten.

Eine weitere Art, Karten zu nutzen, bietet Google Maps. Mit diesem Dienst kann man Wege ausfindig machen, die man bisher nicht entdeckt hat. Street View bietet zusätzlich die Möglichkeit, sich einen ersten Eindruck von den vorliegenden Bedingungen zu verschaffen.

Ein heisser Tipp ist das Thema Geocaching. Menschen suchen bei diesem Hobby Schätze (z.B. in Form kleiner Dosen), die von anderen an verwinkelten, banalen oder exotischen Orten versteckt wurden. Geocaching offenbart viele Foto-Locations oder auch Lost-Places, die gern als Verstecke genutzt werden.

Es gibt Anbieter, die öffentliche und kostenpflichtige Touren durch verlassene Orte anbieten, so zum Beispiel in Beelitz oder Wünsdorf in Brandenburg/Deutschland. An den begleiteten Touren kann immer nur eine begrenzte Zahl von Personen teilnehmen und sich je nach Tour auch frei auf dem Gelände bewegen. Solche Touren entsprechen jedoch nicht im Kern der Idee von Urban-Exploration und werden von vielen Urban Explorern strikt abgelehnt. Dennoch bieten sie die Gelegenheit, völlig legal verlassene Orte der Zeitgeschichte zu fotografieren.

Das Lungenheilgebäude für Männer der verlassenen Beelitz-Heilstätten in Deutschland

Diese Datei wird unter der Creative-Commons-Lizenz „CC0 1.0 Verzicht auf das Copyright“ zur Verfügung gestellt. – Original: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Beelitz-Heilst%C3%A4tten_M%C3%A4nner-Lungenheilgeb%C3%A4ude_24.JPG?uselang=de

Tipp 2: Zentral ist die Stimmung

Verlassenes Dorf in der Wüste

Quelle: Shaun Levick

Ist die passende Location gefunden, ist es ratsam sich in allen Räume (unter Beachtung der Sicherheitsaspekte) und auf dem Areal nach interessanten Motiven umzusehen. Hat man ein Motiv gefunden sollte man sich Zeit lassen, um eine geeignete Perspektive zu finden. Sich genau im Raum umzusehen und die Magie des Ortes zu spüren, verhilft zu gelungenen Bildern.

Lost-Places-Fotos übermitteln immer eine Stimmung oder Emotion. Die Realität abzulichten, ist nicht das Ziel. Ein Wechsel der Objektive und der Position im Raum kann von Vorteil sein, wenn sich die gewünschte Stimmung nach den ersten Probeschüssen nicht einfangen lässt. Dieser Prozess kann durchaus mehrere Stunden bis Tage in Anspruch nehmen.

Nicht immer sind Totalen das geeignete Mittel, die Magie eines Raumes einzufangen. Probieren Sie verschiedene Perspektiven, Winkel, Sichtachsen und Detailaufnahmen vom Motiv. Ziel ist es, den Betrachter der Fotografie durch das Bild zu führen und ihn die Faszination des Ortes spüren zu lassen.

Tipp 3: Die Wahl des Objektivs

Mit einem Weitwinkelobjektiv lassen sich Räume fotografieren

Den ganzen Raum mit seiner Stimmung und seinen Details einzufangen, ist für jeden Fotografen eine Herausforderung. Wenig Platz und Licht erschweren das Fotografieren. Hier eignet sich eine Spiegelreflexkamera mit einem (Super-) Weitwinkelobjektiv mit einer Brennweite von 10 – 20 mm. Es bietet den Vorteil ganze Räume mit wenig Abstand ablichten zu können. Ein weiterer Pluspunkt dieser Objektive ist die Fähigkeit, einen grösseren Umfang von Helligkeitsbereichen zu erfassen. Das ist in den oft düsteren Lost-Places unverzichtbar. Diese Objektive sind auf eine sehr geringe Brennweite eingestellt und daher nicht flexibel einsetzbar. Ein weiterer Nachteil ist die vergrösserte Darstellung von nahen Objekten.

Um flexibel zu bleiben, sollte auch immer ein Normalobjektiv von 17 – 55 mm mitgenommen werden. Dieses eignet sich auch für die meisten Detailaufnahmen.

Tipp: Um einen häufigen Objektivwechsel zu vermeiden, nutzen Sie auf der Strecke in das Gebäude ein Objektiv und wechseln Sie es auf dem Rückweg gegen ein anderes. So können Sie Motive aus verschiedenen Perspektiven ablichten, ohne ständigen Umbau an der Kamera.

Tipp 4: Die richtige Belichtung

Das richtige Licht lässt verlassene Objekte erst richtig aufleben

Verlassene Orte leben von Zwielicht und Schattenspiel. An sonnigen Tagen werden stark differenzierte Schatten geworfen und in den Sonnenstrahlen glitzert der Staub. In den späten Nachmittagsstunden sind die Schatten länger und das Licht ist weicher. Bewölkter Himmel lässt das Licht in Innenräumen sehr samtig und düster erscheinen. Entsprechend der aktuellen Wetterlage und Uhrzeit können Fotos von ein und demselben Ort eine ganz unterschiedliche Stimmung vermitteln. Es lohnt sich, den Wetterbericht zu Rate zu ziehen und dann über den Aufbruch zu entscheiden.

Aufgrund der oft schwierigen Lichtverhältnisse ist es ratsam, von jedem Motiv drei bis sechs Belichtungsreihen zu erstellen (inclusive Über- und Unterbelichtung). Nur so ist man in der Lage, den vollen Umfang der verschiedenen Helligkeitsbereiche zu erfassen.

Um später in der Bearbeitung das geeignete Bild auszuwählen oder gegebenenfalls ein HDR zu konvertieren, müssen die Bilder deckungsgleich sein. Das erreicht man mit einem stabilen Stativ, einem Beanbag oder einem anderen festen Kamerastand. Das Stativ verhindert auch ein Verwackeln der Bilder bei langer Belichtungszeit.

Bei der Nutzung eines Stativs sollte der Bildstabilisator ausgestellt werden. Dieser versucht, die nicht vorhandenen Bewegungen der Kamera zu stabilisieren. Das Ergebnis ist ein unscharfes Bild. Ein Fern- oder Selbstauslöser bietet die Möglichkeit, weitere potenzielle Unschärfe durch ungewollte Bewegungen zu reduzieren.

Tipp 5: Es werde Licht

An besonders düsteren Orten reicht eine hohe Belichtungszeit und eine grosse Blende nicht aus. Der Auto-Fokus ist nicht in der Lage, das Motiv scharf zu stellen. Erfahrene Urbexer wedeln solche lichtarme Motive gleichmässig mit der Taschenlampe bei langer Belichtungszeit aus. Mit dieser Technik ist es möglich, wichtige Teile des Bildes stärker zu beleuchten.

Der integrierte Blitz wird selten genutzt, denn das Weitwinkelobjektiv wirft bei der Nutzung des Blitzes einen Schatten auf die obere Hälfte des Bildes. Der untere Bereich ist stark überbelichtet. Ein Aufsteckblitz wird aufgrund seiner Unhandlichkeit ebenfalls selten genutzt.

Massive Steintreppe in einer alten verlassenen Villa

Lost Places Fotografie – Was man beachten sollte

Motivation

Lost Places sind spannende Orte für Urban Explorer. Sie nennen sich auch „Urbexer“. Ihre Motivation, neue verlassene Objekte zu entdecken und mit ihren Kameras längst Vergangenes zu dokumentieren, liegt in der romantischen und zum Teil ästhetischen Atmosphäre. Viele Urbexer fasziniert vor allem die Authentizität, die Lost Places ausstrahlen. Von Zerfall geprägte Anlagen und Betriebe stehen im Kontrast zur städtebaulichen modernen Investitionskultur. Viele Lost Places Fotografen finden es daher befreiend und entspannend, vor der Zivilisation zu flüchten.

Nicht selten entstehen durch aus den Wänden gewachsenen Bäumen und bizarren Graffitis surreale Motive, die zum fotografischen Experimentieren verleiten. Neben der Erkundung urbaner Relikte und deren Dokumentation rückt bei vielen Fotografen das künstlerische Arbeiten in den Vordergrund.

Der Londoner Geograf und Urban Explorer Bradley L. Garrett stellte die These auf, dass Urban Exploration eine Reaktion auf die zunehmende Überwachung und Kontrolle des öffentlichen Raumes sei.

Sicherheit

Massive Steintreppe in einer alten verlassenen Villa

Es gibt einige grundsätzliche Verhaltensregeln, die die Sicherheit beim Betreten eines Lost Places garantieren. Dazu gehört in aller erster Linie, dass verlassene Orte niemals alleine besucht werden sollten. Am besten wird man von einer ortkundigen Person aus der Gegend begleitet. Für manche Lost Places werden sogar professionelle Touren angeboten, wie zum Beispiel für die berühmten Beelitz Heilstätten in Brandenburg (Deutschland).

Erhöhte Aufmerksamkeit ist ab dem Betreten eines Lost Places unbedingt geboten. Voreilige Schritte und unbedachte Handlungen können zu schweren Verletzungen führen – gerade wenn das Objekt einsturzgefährdet ist. Marode Böden und Decken sollten immer gut im Auge behalten werden. Sicherheit geht vor. Urbexer erzählen zum Teil von ganzen Stockwerken, die eingestürzt sind. Bei Unsicherheit über Löcher im Boden oder Haltbarkeit von Dielen sollte man dem Reiz widerstehen, dass Unbekannte zu entdecken, und umkehren.

Gesetzliche Grundlagen

Zaun mit Warnschild: Betreten des Grundstücks verboten.

Das Eindringen in fremde Objekte stellt meist einen Hausfriedensbruch dar. In der Schweiz beschreibt das der Artikel 186 des StGB. Danach können eine Haftstrafe von bis zu drei Jahre oder eine Geldstrafe verhängt werden. In Deutschland ist dafür der Paragraph 123 StGB zuständig. Demnach kann eine Haftstrafe bis zu einem Jahr oder eine Geldstrafe bei Zuwiderhandlung drohen.

Viele Urban Explorer betreten ohne die nötigen Genehmigungen fremde Objekte und begehen damit streng genommen Hausfriedensbruch. Grundstücksverwalter sind zuweilen sehr schwer ausfindig zu machen oder haben wenig Verständnis für die Hobby-Fotografen. Den Urbexern geht es aber nicht wie in anderen Fällen von Hausfriedensbruch darum, Einrichtungsgegenstände zu verwüsten, Sachen zu entwenden oder dem Gebäude oder Grundstück anderweitige Schäden zuzuführen. Sie gehen nur ihrem Hobby nach – dem fotografischen Dokumentieren und Experimentieren an besonderen Orten.

Unwritten rules

Altes zerstörtes Sofa in einem verlassenen Haus

Unter Urban Explorern gibt es ein ungeschriebenes Gesetz: „Take nothing but pictures – leave nothing but footprints!“ zu Deutsch in etwa: „Nimm‘ nichts mit, ausser Fotos und hinterlasse nichts, ausser deiner Fussspuren.“ Jeder ernstzunehmende Urbexer hält sich an diesen Grundsatz. Leider kommt es aber auch immer wieder vor, dass sich Randalierer und andere Personen gewaltvollen Zugang zu Objekten verschaffen. Dort zerstören sie das Interieur und lassen Müllberge zurück. Street Art Fotografen, die etwas auf sich halten, verurteilen das. Sie möchten lediglich das dokumentieren, was über die letzten Jahrzehnte mit den Objekten unter Einwirkung der Natur passiert ist.

Die Urban-Exploration-Szene lehnt auch solche Handlungen von Menschen ab, bei denen es nur um die Ausbeutung von Materialwerten ankommt. Immer wieder wird beobachtet, dass Kupferdiebe nicht bewachte Industrie-Areale, alte Villen und andere Ruinen aufsuchen, um alte Kupferleitungen aus den Wänden zu schlagen. Das daraus gewonnene Kupfer wird später teuer weiterverkauft.